Das erste Foto Deutschlands ist ein Salzpapier-Negativ der Münchner Frauenkirche von 1837, aufgenommen vom Münchner Mineralogen, Chemiker und Schriftsteller Franz von Kobell (1803-1882).

Historische Aufnahme der Münchner Frauenkirche von Franz von Kobell aus dem Jahr 1837: Links das originale 4 x 4 cm große Salzpapier-Negativ in Sepia, rechts die von Jans Bock-Schroeder invertierte und nachgeschärfte Positivversion.
Franz von Kobell: Erste Fotografie der Münchner Frauenkirche (1837)

Deutschlands erstes Foto: Links das original erhaltene Salzpapier-Negativ der Münchner Frauenkirche, das Franz von Kobell im März 1837 aufnahm. Rechts die vom Foto Experten Jans Bock-Schroeder invertierte und nachgeschärfte Positiv-Ansicht.


Ein Fund, der die deutsche Fotogeschichte neu datiert

Lange galt 1839 als Geburtsjahr der Fotografie, auch in Deutschland. Im Mai 2024 gab das Deutsche Museum in München jedoch bekannt, dass sein Archiv ein noch älteres Bild verwahrt: ein nur 4 x 4 Zentimeter großes Salzpapier-Negativ der Münchner Frauenkirche, handschriftlich auf der Rückseite datiert auf „März 1837", zwei Jahre vor Louis Daguerres öffentlicher Bekanntgabe der Fotografie in Paris. Urheber der Aufnahme ist der Mineraloge und spätere Schriftsteller Franz von Kobell.

Entdeckt wurde die Datierung von der Fotohistorikerin Cornelia Kemp im Zuge der Recherchen zu ihrem 2024 erschienenen Buch „Licht – Bild – Experiment". Die Aufnahme galt damit auf einen Schlag als das älteste bekannte Foto Deutschlands.

Entstanden
März 1837
Format
4 x 4 cm, Salzpapier
Urheber
Franz von Kobell
Aufbewahrungsort
Deutsches Museum, München

Zeitleiste der Entdeckung

Von der Aufnahme über die verdeckte Datierung bis zur wissenschaftlichen Veröffentlichung liegen fast 190 Jahre. Die folgende Zeitleiste ordnet die wichtigsten Stationen ein:

März 1837
Kobell fotografiert die Frauenkirche
Franz von Kobell fertigt in München ein 4 x 4 cm großes Salzpapier-Negativ der Frauenkirche an und versieht es eigenhändig auf der Rückseite mit der Notiz „März 1837", zwei Jahre vor Daguerres öffentlicher Bekanntgabe der Fotografie.
1838–1839
Weitere Münchner Motive
Es entstehen weitere Salzpapier-Aufnahmen: das Bazargebäude am Odeonsplatz (Tambosi), die Mariahilf-Kirche, die Glyptothek und Schloss Nymphenburg. Insgesamt bleiben 14 Negative aus dieser Frühphase erhalten.
19. August 1839
Daguerres öffentliche Bekanntgabe in Paris
François Arago, Sekretär der französischen Akademie der Wissenschaften, gibt Louis Daguerres Verfahren offiziell bekannt. Das Jahr 1839 wird dadurch zum international anerkannten Geburtsjahr der Fotografie.
1839
Münchner Reaktion vor der Bayerischen Akademie
Kobell und Steinheil berichten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften von ihren eigenen Versuchen seit 1837. Steinheil fertigt zudem, nur wenige Wochen nach Paris, die ersten Daguerreotypien auf deutschem Boden an, ausgestellt im Münchner Kunstverein.
1906
Schenkung an das Deutsche Museum
Emil Obernetter, Sohn des Fotochemikers Johann Baptist Obernetter, schenkt die Aufnahmen dem Deutschen Museum. Sie sind bereits fest auf Karton montiert und gerahmt, die Rückseiten damit unzugänglich.
1939
Verpasste Chance zum Jubiläum
Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Fotografie werden die Bilder in neue Passepartouts umgebettet. Die Rückseiten der Originale werden dabei erneut nicht geprüft, die Datierung bleibt verborgen.
28. Mai 2024
Das Deutsche Museum stellt den Fund vor
Cornelia Kemp präsentiert die Neudatierung öffentlich. Sie hatte die Aufnahmen im Zuge vierjähriger Recherchen für ihr Buch „Licht – Bild – Experiment" aus den Montierungen gelöst und die Notiz „März 1837" freigelegt.
2024
Buchveröffentlichung
Cornelia Kemps Monografie „Licht – Bild – Experiment. Franz von Kobell, Carl August Steinheil und die Erfindung der Fotografie in München" erscheint im Wallstein Verlag als Band 37 der Abhandlungen und Berichte des Deutschen Museums.
18. März 2026
Wissenschaftliche Vertiefung
Der Fachartikel „Hidden Clues: Franz von Kobell's Photographic Experiments of 1837" von Cornelia Kemp erscheint in der Zeitschrift „Rundbrief Fotografie" und ordnet den Fund vertieft in die internationale Fotogeschichtsschreibung ein.

Das Bild im Detail

Die Aufnahme zeigt die Türme der Frauenkirche schemenhaft hell gegen einen dunklen Himmel, seitenverkehrt und ohne erkennbare Uhrzeit auf den Turmuhren, da sich die Belichtung damals über mehrere Stunden hinzog. Ein Positiv gab es zu Kobells Zeit nicht: Das verwendete Salzpapier war für die üblichen Kontaktabzüge schlicht zu dick. Erst moderne, hochauflösende Digitalisierung erlaubte es, aus dem Negativ ein Positiv zu errechnen, das überraschend viele Details freilegt, bis hin zu den Zifferblättern der Kirchturmuhren.

Die Aufnahme steht nicht allein: Insgesamt bewahrt das Deutsche Museum 14 frühe Negative Kobells aus den Jahren 1837 bis 1839, darunter mehrere weitere Ansichten der Frauenkirche sowie Motive wie das Bazargebäude am Odeonsplatz (Tambosi), die Mariahilf-Kirche, die Glyptothek und Schloss Nymphenburg. Sie lagern heute lichtgeschützt in einem klimatisierten Archiv.


Franz von Kobell: Der Pionier

Franz von Kobell (1803–1882) war von Beruf Mineraloge und Chemiker, entstammte jedoch einer bekannten Münchner Malerfamilie. Sein Großonkel Franz Josef Innozenz Kobell war für seine kunstvollen Aquatinta-Zeichnungen mit dramatischen Himmelsdarstellungen bekannt, ein Maßstab, an dem Franz von Kobell die noch unscharfen, braun erscheinenden Himmelsflächen seiner eigenen fotografischen Versuche maß und für künstlerisch minderwertig befand.

Für Kobell blieb die Fotografie deshalb ein rein chemisch-wissenschaftliches Experiment. Er nutzte das Wissen über die Lichtempfindlichkeit von Silbernitrat und die Eigenschaften von Silberchlorid („Hornsilber") aus seiner mineralogischen Arbeit, um unbelichtetes Silber mit Ammoniak aus dem Papier herauszulösen und das Bild so haltbar zu fixieren. Später ist Franz von Kobell vor allem als Schriftsteller bekannt geworden, unter anderem als Autor der bayerischen Erzählung „Der Brandner Kaspar".


Carl August von Steinheil: Der Optiker

Carl August von Steinheil (1801–1870), Physiker, Astronom und Optiker, wird häufig gemeinsam mit Kobell genannt, konzentrierte sich jedoch auf andere Aspekte der frühen Fotografie. Er empfahl Kobell eine sogenannte Rohrkamera, die für die charakteristischen kreisrunden Bildformate einiger der frühen Aufnahmen verantwortlich ist. Nach Daguerres öffentlicher Bekanntgabe 1839 arbeitete sich Steinheil rasch in dessen komplexeres Metallverfahren ein und stellte nur wenige Wochen später die ersten Daguerreotypien auf deutschem Boden her, die im Münchner Kunstverein ausgestellt wurden. Gemeinsam berichteten Kobell und Steinheil 1839 der Bayerischen Akademie der Wissenschaften von ihren Versuchen.


Warum die Datierung über 100 Jahre verborgen blieb

Dass die Notiz „März 1837" so lange unentdeckt blieb, ist einer musealen Verkettung ungünstiger Umstände geschuldet:

1906: Emil Obernetter, Sohn des Fotochemikers Johann Baptist Obernetter, schenkt die Aufnahmen dem Deutschen Museum. Sie sind bereits fest auf Karton montiert und gerahmt, die Rückseiten damit unzugänglich.

1939: Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Fotografie werden die Bilder in neue Passepartouts umgebettet, doch niemand prüft dabei die Rückseiten der Originale.

2020er-Jahre: Cornelia Kemp löst die Aufnahmen im Rahmen ihrer vierjährigen Recherche für „Licht – Bild – Experiment" aus den Montierungen und findet neben der Datierung auch einen begleitenden Zettel mit dem Vermerk „Photographische Versuche von mir mit Steinheil", der Kobell als Urheber eindeutig identifiziert.

„Es ist das älteste deutsche Foto, das ist eindeutig." — Cornelia Kemp, Deutsches Museum, bei der Vorstellung des Fundes im Mai 2024

Internationale Einordnung

Auch mit der Neudatierung bleibt die internationale Reihenfolge der frühen Fotografie unverändert: Nicéphore Niépce gilt weiterhin mit seiner Aufnahme von 1826 als weltweit erster. Kobells Werk zeigt jedoch, dass München 1837 technologisch bereits auf Augenhöhe mit den führenden Zentren in Frankreich und England agierte. Bezeichnend für diese frühe Phase ist zudem, dass 1839 in Paris nicht nur Daguerre, sondern mit Hippolyte Bayard ein weiterer Erfinder unabhängig ein eigenes, drittes Verfahren vorlegte: ein Direktpositiv auf Papier, das weder mit Daguerres Metallplatte noch mit Talbots Negativ-Positiv-Prinzip identisch war. Bayard erhielt dafür deutlich weniger Anerkennung als Daguerre, ein Schicksal, das in gewisser Weise an Kobells jahrzehntelang übersehene Pionierleistung erinnert.

PionierLandVerfahrenFrühe Leistung
Nicéphore NiépceFrankreichHeliografieErste Kamerafotografie (1826)
Henry Fox TalbotEnglandKalotypie (Papier)Aufnahme von Lacock Abbey (1835)
Louis DaguerreFrankreichDaguerreotypie (Metall)Erste erhaltene Bilder (1837), öffentliche Bekanntgabe (1839)
Franz von KobellDeutschlandSalzpapier-NegativAufnahme der Frauenkirche (März 1837)
Hippolyte BayardFrankreichDirektpositiv-Verfahren (Papier)Eigenständige Aufnahmen bereits 1839, unabhängig von Daguerre und Talbot

Warum Daguerre den Ruhm erntete

Dass 1839 dennoch als international anerkanntes Geburtsjahr der Fotografie gilt, ist vor allem eine Frage der Kommerzialisierung, nicht der technischen Priorität. Louis Daguerre ließ von seinem Schwager Alphonse Giroux umgehend Kameras in Serie fertigen und veröffentlichte gedruckte Gebrauchsanweisungen, sodass sich das fertige „System Fotografie" ab 1839 in Paris käuflich erwerben ließ. Die offizielle Bekanntgabe erfolgte am 19. August 1839 durch François Arago, den Sekretär der französischen Akademie der Wissenschaften.

Kobell und Steinheil hingegen betrachteten ihre Arbeit als abgeschlossenes wissenschaftliches Experiment. Sobald sie das photochemische Grundprinzip verstanden hatten, verloren sie das Interesse an einer Weiterentwicklung: Steinheil kehrte zur reinen Physik zurück, Kobell wandte sich, nahezu zeitgleich mit dem Ende seiner fotografischen Versuche, der Literatur zu. Ohne kommerzielles Interesse und ohne Veröffentlichung blieb die Münchner Pionierleistung so über ein Jahrhundert im Schatten der Pariser Bekanntgabe.


Häufig gestellte Fragen

Deutschlands ältestes bekanntes Foto ist ein nur 4 x 4 Zentimeter großes Salzpapier-Negativ der Münchner Frauenkirche, das der Mineraloge Franz von Kobell im März 1837 anfertigte, zwei Jahre vor Louis Daguerres offizieller Bekanntgabe der Fotografie in Paris 1839.

Die Fotohistorikerin Cornelia Kemp vom Deutschen Museum in München entdeckte die Datierung bei Recherchen für ihr 2024 erschienenes Buch „Licht – Bild – Experiment". Die handschriftliche Notiz „März 1837" auf der Rückseite war zuvor über ein Jahrhundert lang durch eine Kartonmontierung verdeckt.

1839 gilt weiterhin als das international anerkannte Geburtsjahr der Fotografie, weil Louis Daguerre sein Verfahren in Paris öffentlich bekanntmachte, kommerzialisierte und Kameras samt Gebrauchsanweisungen verkaufte. Kobells Aufnahmen von 1837 blieben dagegen ein unveröffentlichtes wissenschaftliches Experiment.

Kobell nutzte die Lichtempfindlichkeit von Silbernitrat auf Salzpapier. Zur Fixierung wusch er das unbelichtete, lichtempfindliche Silberchlorid („Hornsilber") mit Ammoniak aus dem Papier heraus, ein Verfahren, das er aus seiner mineralogischen Arbeit ableitete.

Die insgesamt 14 erhaltenen frühen Negative Kobells aus den Jahren 1837 bis 1839 lagern im Deutschen Museum in München, in einem speziellen, klimatisierten und lichtgeschützten Archiv.